Sonntag, 19. Juli 2026

Die Katastrophe - Tel 2

DIE ANKUNFT

Kaum hatten sie den Bahnhof hinter sich gelassen, fiel Frau Weber ein, dass sie Femke

ja eigentlich vorher noch von ihrer Windel hatte befreien wollen. Mit Sicht auf den

stehenden Zug am Bahnsteig waren sie direkt eingestiegen, ohne daran zu denken. 


Na

dann mussten sie eben die Zugtoilette ausprobieren. War vielleicht sogar besser so, hier

konnten sie ihr Gepäck am Platz liegen lassen. Sie schaute ihre Tochter an. Eben wollte

sie die Windel um alles in der Welt ausziehen und jetzt blickte sie, mit den Beinen

wippend, fröhlich zum Fenster raus. Mit so hoher Geschwindigkeit, dass man die

Pflanzen am Gleisrand kaum sehen konnte, zog die Landschaft vorbei.

Über die Anzeige auf dem Infomonitor in der Bahn stellte Frau Weber fest, dass die

Toilette frei war. Sie zupfte Femke unauffällig an der Schulter. „Wollen wir uns mal das

Zug-Klo ansehen?“, fragte sie, zu ihrer Tochter gebeugt. Femke blickte auf und hielt die

Beine still. Sofort fiel ihr die Sache wieder ein. Obwohl ihre Mama nichts Peinliches

gesagt hatte und auch leise gesprochen hatte, vergewisserte sich die Siebenjährige erst

mal, dass niemand sie gehört haben konnte. Da ihr nichts anderes übrig blieb, nickte sie

und folgte ihrer Mutter auf den Gang. Ihre Sachen ließen sie am Platz liegen, die würde

schon niemand klauen. Frau Weber nahm sich vor, sich zu beeilen.

Durch den vibrierenden Zug schlängelten sich Femke und ihre Mutter den Gang entlang.

Der Zug wackelte etwas in den lang gezogenen Kurven, Femke stellte aber fest, dass

das nicht mit dem Ruckeln der Straßenbahn zu vergleichen war. An einer Stelle mussten

sie über die Beine eines Mannes steigen, der diese im Sitz schlafend mitten in den Gang

gestreckt hatte. Femke dachte an die Windel, die sie gerade statt einer Unterhose trug.

Ohne weitere Probleme erreichten sie die Zugtoilette. Frau Weber öffnete die runde

Schiebetür und ließ ihre Tochter vor sich eintreten. Der Raum war frei und sauber und

roch nach Reinigungsmittel, ganz anders, als Frau Weber es erwartet hatte. Unter

diesen Umständen fragte sie ihre Tochter: „Schaffst du das alleine? Schmeiß die Windel

dann einfach da rein.“ Sie deutete auf einen Mülleimer an der Wand. „Ich warte an

unserem Platz und passe auf unser ausgebreitetes Zeug auf.“ Femkes Mutter wischte

noch einmal über den Brillenrand, damit Femke auf das fremde Klo gehen konnte, und

zeigte ihrer Tochter, wie sie die Tür zu- und wieder aufbekam. „Wenn du fertig bist, läufst

du einfach den Weg zurück zu unserem Platz.“ Frau Weber ging noch mal sicher, dass

alles in Ordnung war, und verschwand. Durch die sich schließende Kabinentür

verschwanden auch die Fahrgeräusche zu einem dumpfen Brummen.

Dass sie Sorge um das Gepäck hatte, war nur die halbe Wahrheit. Sie wusste auch,

dass ihre Tochter alt genug war, sich alleine zurechtzufinden. Im Allgemeinen hatte sie

kein Problem damit, ihrer Tochter überall zu helfen, und fühlte sich auch nicht wie eine

überengagierte Mutter, wenn sie in der gleichen Kabine stand, während ihre Tochter Pipi

machte. Gegangen war sie hauptsächlich deswegen, weil Femke, wenn sie in einem

halben Jahr auf Klassenfahrt ging, auch viel alleine würde machen müssen. Eine

trockene Windel würde sich die bald Achtjährige wohl ausziehen und in den Papierkorb

stopfen können. Das abendliche und morgendliche Wickeln war etwas anderes, da

brauchte sie ihre Hilfe beim Saubermachen.

Ganz alleine stand Femke im Zug-WC. Eigentlich wäre es ihr lieber gewesen, wenn ihre

Mama hier geblieben wäre. Selbst wenn sie dann gefragt worden wäre, warum sie ihre

Windel nass gemacht hatte. Anhand des regelmäßigen Ruckelns nahm die

Siebenjährige wahr, dass sie sich in einem fahrenden Zug befand. Widerwillig fasste sie

einen der zahlreichen Haltegriffe an. Sie orientierte sich in der Kabine. So klein war der

Raum gar nicht. Mit Unbehagen betrachtete sie die Toilettenschüssel. Innen aus einem

silbernen Material, war das Ganze alles andere als gemütlich. Der orange leuchtende

SOS-Button machte ihr Angst.

Mit Unbehagen zog sie ihr T-Shirt etwas nach oben und öffnete langsam ihre Jeanshose,

indem sie den Knopf herausdrückte. Eigentlich wollte sie sich hier gar nicht ausziehen.

Femke dachte an ihr warmes, gemütliches Badezimmer zu Hause. Sie mochte das Licht

hier im Zug-Klo nicht. Vom Geruch musste sie das Gesicht verziehen.

Femke streifte ihre Hose vorsichtig ein kleines Stückchen nach unten. Darunter kamen

die blauen Klebestreifen der Pampers Größe 7 zum Vorschein. Femke merkte, dass sie

gar keine Unterhose als Ersatz für die Windel zur Hand hatte. Wenn ihre Mutter das

nicht vergessen hatte, dachte diese wahrscheinlich, sie würde lieber ohne Unterwäsche

als mit Windel rumlaufen. Rumpelnd fuhr der Zug über die Schwellen einer Weiche. Um

nicht hinzufallen, machte das Mädchen einen kleinen Schritt zur Seite und griff schnell

wieder nach der Haltestange. Dabei rutschte ihre Jeans ganz nach unten. Der

Löwenkopf auf der Vorderseite blickte Femke an.

Als sie wieder sicher stand, machte die Siebenjährige sich daran, mit dem Ausziehen

weiterzumachen. Der nächste Schritt bestand wohl darin, die Windel abzumachen.

Eigentlich war diese gar nicht unbequem. Eher im Gegenteil. Das Material lag weich auf

ihrer Haut und obwohl Femke wusste, dass sie in der Straßenbahn Pipi gemacht hatte,

fühlte sich die Windel nicht im Geringsten nass oder störend an.

Unschlüssig befummelte Femke den linken Klebestreifen. Gleich würde sie untenrum

nackt hier stehen und sich auf das Edelstahlklo setzen müssen. Falls jetzt nicht, dann

später. Ihre Mama hatte gesagt, dass es bis zum Ziel mindestens den halben Tag dauern

würde. Wäre ihre Mama noch hier, hätte sie sich eher getraut, sich auf die fremde

Toilette zu setzen. Aus einem Impuls heraus fasste Femke einen Entschluss und zog die

Hose wieder bis ganz nach oben und über die Pampers. Sie würde die Windel eben

anbehalten. Alles war besser, als sich hier in dieser Kabine alleine auszuziehen. Zu

Hause hätte sie sich das bestimmt nicht getraut. Auch wenn ihr die Windel nach wie vor

peinlich erschien und sie nicht wollte, dass jemand sie sah, machte ihr ihre Reise, auf

der sie niemanden kannte, die Entscheidung leichter. Bis hierhin hatte auch alles

geklappt. Femke redete sich ein, dass die Windel einfach eine Unterhose wäre. Daran,

wie sie die Windel später loswerden wollte, dachte sie in diesem Moment noch nicht.

Die Siebenjährige stellte sich wieder hin, an den Griff an der Wand geklammert. Durch

vorsichtiges Drücken versuchte das Mädchen noch ein bisschen Flüssigkeit

loszuwerden. Das war gar nicht so einfach, selbst wenn sie mit den Beinen etwas

auseinander rückte. Bis jetzt war es immer nur so gewesen, dass sie schon ordentlich

musste und nur loslassen brauchte. Mit der freien Hand fasste Femke von vorne

zwischen ihre Beine und zupfte am Stoff der Jeans. Nein, man konnte die Windel

wirklich nicht bemerken, es war einfach nur normale Unterwäsche, nur eben mit

Zusatzfunktion. Kurz darauf schaffte es die Grundschülerin doch noch, die Windel ein

kleines bisschen nasser zu machen. Jetzt konnte sie sagen, dass sie Pipi gemacht hatte,

ohne lügen zu müssen. Femke drehte sich noch einmal um die eigene Achse und öffnete

dann, froh, von dem unheimlichen Ort fortzukommen, die Kabinentür, wie ihre Mutter es

ihr gezeigt hatte. Sofort wurden die Fahrgeräusche wieder lauter. Kurz orientiert schlug

sie zielsicher die Richtung ein, aus der sie gekommen waren.

„Hat alles geklappt?“, erkundigte sich Frau Weber, als sie Femke entdeckte. Die

Angesprochene nickte und warf sich wieder auf ihren Sitzplatz am Fenster. Frau Weber

war stolz auf ihre große Tochter.

Schon nach einer Stunde wurde Femke langweilig. Sie hatte bereits ein wenig gemalt

und versucht, ihre Mutter zu zeichnen. Das war aber nur bedingt gelungen. Jetzt saß sie

auf ihrem Sitz und baumelte schon wieder mit den Beinen in der Luft. Femke

beobachtete die anderen Reisenden in ihrem Blickfeld. Auf der anderen Zugseite hatte

ein Mann Platz genommen, der jetzt auf die Tastatur seines Laptops hackte. Aus ihrer

Position heraus konnte sie leider nicht genau sehen, was dieser da machte. Eine Reihe

weiter hinten saß eine junge Familie. Femke konnte eine Frau mit einem schlafenden

Kleinkind auf dem Schoß erkennen. Daneben saß ein kaum älterer Junge mit einem

iPad in den Händen. Er schaute konzentriert auf das Display. Femke hatte noch keine

eigenen mobilen Endgeräte, und ihre Mutter fuhr einen strengen Kurs beim Umgang mit

modernen Medien. Femke ließ ihren Blick weiter schweifen. Draußen raste die Gegend

vorbei. Ihre Mutter war in eine Zeitschrift vertieft, die sie als Fahrtlektüre mitgebracht

hatte.

„Willst du mal auf Erkundungstour gehen?“, fragte Frau Weber ihre Tochter. „Du kannst

ruhig mal bis zum Ende vom Zug gehen, ich warte hier auf dich.“ Femke nickte.

Eigentlich wäre sie gerne bei ihrer Mutter geblieben, allerdings war der Zug durchaus

spannend, und sie konnte schon lange nicht mehr still sitzen.

„Bleib nicht zu lange weg, komm immer mal wieder bei mir vorbei. Du kannst mir dann ja

erzählen, was du gesehen hast“, sagte ihre Mutter. Das siebenjährige Mädchen rutschte

vorsichtig vom Sitz und blieb etwas unschlüssig stehen. „Zuerst geh ich mal nach ganz

vorne, Mama“, entschied sie sich für eine Richtung. Sie wusste, dass sie sich nicht

beeilen musste. Bis sie in München umsteigen mussten, würde es noch lange dauern.

Zwar hatten sie das Thema Deutschland noch nicht im Sachunterricht gehabt, trotzdem

wusste sie ungefähr, wo sie waren und an welchen Städten sie vorbeikommen würden.

Femke schlängelte sich den schmalen Gang zwischen den Sitzreihen entlang. Sie

blickte sich noch einmal zu ihrer Mutter um, um die Stelle auf dem Rückweg

wiederzuerkennen.

Femke stand vor der Verbindungstür des Zuges und hatte Schwierigkeiten, diese

aufzubekommen. Zum Glück kam ihr gerade eine Frau entgegen, die die Tür für sie

aufmachte und sie vorbeiließ. Zwischen den Wagen war es deutlich lauter. Ein wenig

verängstigt beeilte sich Femke, die gegenüberliegende Schiebetür zu öffnen. Unter ihr

befand sich die Kupplungsstelle, die selbst so langen Zügen das Fahren in Kurven

ermöglichte. Im nächsten Abteil war deutlich mehr los als in dem, in dem sie selber

saßen.

Plötzlich trat ihr ein kleines Mädchen in den Weg. „Hallo, wie heißt du?“ Femke stufte sie

mindestens zwei Jahre jünger ein. Das neugierige Kind trug ein buntes Kleidchen und

darunter eine rote Leggings. Die Schuhe waren mit Hello Kitty bedruckt. Femke musterte

sie skeptisch und machte ein Stück weiter zwei Personen aus, die sie für die Eltern der

Fremden hielt.

„Ich bin Femke“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Das andere Mädchen lächelte sofort.

Sie schien absolut nichts von Femkes Schüchternheit zu haben und ergänzte direkt,

ohne gefragt zu werden: „Ich bin Laura Kaiser. Was machst du hier? Bist du ganz alleine

hier?“ Und weiter, ohne Femke Zeit für eine Antwort zu lassen: „Fährst du auch nach

München?“ Femke nickte zurückhaltend. „Nur zum Umsteigen. Meine Mutter ist auch

hier, dahinten“, und deutete den Zug hinunter in die Ferne. Laura bewegte den Kopf

zustimmend. „Soll ich dir was zeigen?“, fragte Laura die neue Bekanntschaft. Noch

bevor Femke etwas erwidern konnte, fasste Laura sie am Stoff ihres T-Shirts und zog sie

in eine Richtung. Die Personen, die Femke für Lauras Eltern hielt, blickten kurz in ihre

Richtung und lächelten. Femke war es nicht gewohnt, dass fremde Kinder so offen auf

sie zugingen. Sie ließ sich von Laura einen Waggon weiter ziehen, bis zur Treppe ins

obere Stockwerk des Zuges. In diesem Teil hatte der Intercity eine Verbindung zwischen

den Sitzplätzen oben und unten. Laura zeigte ihr, wie man in die Nische hinter dem

Treppengeländer klettern konnte. Man saß dann direkt an eine große Fensterscheibe

gelehnt. „Toll, oder?“, versuchte sie Femke zu begeistern. „Von hier aus kann man alles

sehen, das ist mein Lieblingsplatz.“

Femke brauchte ein bisschen, bis sie neben Laura geklettert war. Dabei spürte sie die

freiwillig anbehaltene Windel unter ihrem Po. Sie hoffte, dass Laura nichts sehen würde,

und überprüfte noch mal den Sitz ihrer Hose. In der Nische saß man wirklich so, dass

man sowohl an der Zugwand entlang nach unten auf die Gleise gucken konnte als auch

eine super Aussicht auf die Umgebung genießen konnte. Gleichzeitig war das Gefühl

auch ein wenig unheimlich, so eng an die Scheibe nach draußen gelehnt. Unter ihnen

sausten die Schienenschwellen nach hinten weg. Femke lachte und musste Laura

zustimmen, dass die Stelle neben der Fensterscheibe an der Treppe wirklich ein

Geheimplatz war. Sie saßen eine ganze Weile dort. Die extrovertierte Laura erzählte von

ihren Ferienplänen, und auch Femke begann allmählich Vertrauen zu der neuen

Freundin zu schöpfen. Es stellte sich heraus, dass diese sechs Jahre alt war und nach

den Sommerferien eingeschult werden würde. Offensichtlich freute sie sich schon

mächtig.

Als in einer Durchsage der nächste Halt angekündigt wurde, erinnerte sich Femke daran,

dass sie mal wieder bei ihrer Mutter vorbeischauen sollte. Sie fragte Laura, ob sie

mitkommen wolle. Gesagt, getan, stellte Femke ihrer Mutter ihre neue Freundin vor. Frau

Weber hatte sich schon etwas Sorgen gemacht, wo ihre anhängliche Tochter so lange

blieb, und war positiv überrascht, als Femke ihr Laura vorstellte. Auch gegenüber Frau

Weber war Laura null schüchtern. Sie beschrieb den weiteren geplanten Reiseverlauf

von sich und ihren Eltern.

Die restliche Fahrt verging wie im Flug. Femke und Laura verstanden sich trotz des

Altersunterschieds sehr gut, und Frau Weber freute sich, dass ihre Tochter Unterhaltung

gefunden hatte. Als frühes Mittagsessen hatte Frau Weber eine Tupperdose mit kalten

Frikadellen eingepackt. Sie und Femke griffen tüchtig zu, und auch Laura durfte mal

probieren, nachdem Frau Weber sichergestellt hatte, dass ihre Eltern nichts dagegen

hatten. Kurz hinter Nürnberg fing es leider an zu regnen. Im gemütlichen Zug sitzend

konnten sie den Regen durch die Scheibe beobachten. Frau Weber meinte, ein bisschen

Regen jetzt wäre besser, als wenn es die nächsten Tage an ihrem Urlaubsort regnen

würde.

Frau Weber blickte immer wieder auf die Anzeige mit den Toiletten Infos. Aus

irgendeinem Grund schienen beide Kabinen jetzt dauerhaft besetzt zu sein. Als sie sich

schließlich schon dem Münchner Hauptbahnhof näherten, hatte sich daran nichts

geändert. Daran konnten sie nichts ändern, sie würden bestimmt noch andere

Örtlichkeiten finden.

Laura wurde zurück zu ihren Eltern geschickt. Sie packten alles zusammen und

schauten noch mal unter die Sitze, ob sie nichts liegen gelassen hatten. Da es immer

noch etwas nieselte, kramte Frau Weber die dünnen Regenjacken heraus. Mit nur 15

Minuten Verspätung fuhren sie dann in den Bahnhof ein. Bis zum Anschlusszug hatten

sie noch eine halbe Stunde Zeit. Richtung Garmisch-Partenkirchen mussten sie die RB 6

nehmen.

Als die beiden in voller Wettermontur mit ihren Koffern hinter sich auf den Bahnsteig

traten, stellten sie erstaunt fest, dass um sie rum alles trocken war. Anders als ihr

Startbahnhof lagen die Gleise hier nicht unter freiem Himmel, sondern geschützt in einer

Bahnhofshalle. Es nieselte immer noch etwas, das prasseln des Wassers auf das

Glasdach wurden aber durch den Lärm tausender Reisender übertönt.

Auf dem Bahnsteig verabschiedeten sie sich von Laura und ihren Eltern. Diese hatten

jetzt schon ihr Ziel erreicht. Laura drückte ihrer neuen Freundin Femke noch einen

kleinen Zettel in die Hand. Darauf hatte sie die Adresse ihres Münchener Reiseziels

gekrakelt und meinte sie könne sie ja mal besuchen. Femkes Mutter nickte, lächelte und

meinte: "Vielleicht". Dass sie Lauras Familie wirklich besuchen würden, hatte sie nicht

vor, aber für die Kinder war es ein schöner Gedanke, dass sie sich vielleicht doch

nochmal sahen.

Der Münchner Hauptbahnhof war mittags zur Hauptreisezeit auch viel voller als der

Bahnhof, an dem ihre Intercity-Verbindung startete. Hier tummelten sich Hunderte

Menschengruppen auf den Bahnsteigen, auf den Treppen und in den Gängen.

„Ich muss dringend mal auf Toilette, und du bestimmt auch“, meinte Frau Weber zu ihrer

Tochter, nachdem sie eben nicht im Zug gehen konnte. Diese nickte leicht, sie konnte

ihrer Mutter ja schlecht sagen, dass sie immer noch die Windel an hatte und sogar nicht

mehr ganz trocken war.

Um die Wartezeit zu nutzen, verließen die beiden das Bahnhofsgebäude durch den

Haupteingang in Richtung Münchener Innenstadt. Jetzt war es doch noch gut, dass sie

die Regenjacken angezogen hatten. Schön war die Stadt bei dem Wetter nicht, Femke

sah sich trotzdem interessiert um. Zwei Straßenecken weiter fanden sie sogar

kostenlose öffentliche Toiletten. Es roch unangenehm. Frau Weber schob ihre Tochter in

eine der Kabinen. „Ich bin bei den Waschbecken nebenan und passe auf das Gepäck

auf, ich warte auf dich.“ Femke schloss die Kabinentür hinter sich und drehte das

Schloss. Sie blickte sich um. Absolut niemand hatte gemerkt, dass sie schon den ganzen

Tag eine Windel trug, nicht einmal Laura. Jetzt wollte sie die Windel aber doch lieber

loswerden, fieberhaft überlegte sie, wie sie das anstellen könnte. Zu sehr sorgte sie sich

vor dem Entsetzen ihrer Mutter, wenn sie ihr jetzt gestand, die Windel beim Losfahren

doch nicht ausgezogen zu haben und diese sogar nass gemacht hatte. Femke öffnete

den Reißverschluss ihrer Regenjacke. Leider gab es in der Kabine weder einen

Mülleimer, noch hatte sie eine Unterhose griffbereit, die sie statt der Windel anziehen

könnte. Noch dazu kam, dass sie mittlerweile wieder dringend Pipi musste, aber keine

Ahnung hatte, ob sie die Windel selber aus- und wieder anziehen könnte. Femke

wünschte sich, sie hätte die Windel nicht anbehalten. Sie lehnte sich verzweifelt gegen

die Wand, und weil ihr wegen des Drucks auf ihrer Blase nichts anderes übrig blieb,

rutschte sie mit den Füßen etwas auseinander und gab dem Drang nach. Femke

wunderte sich über sich selbst. Sie freute sich so sehr, bald eine große Drittklässlerin zu

sein, und stand jetzt hier mit einer Windel wie ein Baby. Und das vollkommen freiwillig.

Femke merkte, wie sie sich entspannte und ihre Windel mit neuem Pipi durchflutet

wurde. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie wirklich auf die Toilette gemusst hatte. Wie ein

Wasserfall entleerte sich ihre Blase. Femke schaute an sich herunter. Sie sah ein

normales siebenjähriges Mädchen in beigem T-Shirt mit unauffälligen kleinen, silbernen

Blümchen und einer coolen, grauen Jeanshose. Das T-Shirt über die Hüfte gestreift,

sodass es die Gürtellinie gut verdeckte. Es war erstaunlich, dass man von außen kaum

etwas sehen konnte. Vertieft in ihre Überlegungen merkte sie nur am Rande, wie sie

immer noch in ihre nasser werdende Pampers pullerte. Sie spürte, wie die Nässe sich

entlang ihrer Haut verteilte. Als sie spürte, wie das Pipi an ihrem Po entlanglief, griff sie

panisch hinter sich, von außen war aber noch alles trocken. Es dauerte eine Weile, bis

ihr Harndrang weniger wurde. Sie blieb einige Sekunden einfach in der Position und

stellte sich dann gerade hin. Beim Zusammenziehen der Füße merkte sie zum ersten

Mal deutlich, dass sie eine Windel anhatte. Während sie vorher kaum den Unterschied

zu einer normalen Unterhose fühlte, merkte sie jetzt, wo die Pampers nass war, etwas

Dickes zwischen den Beinen. Femke machte probeweise ein paar Schritte, aber selbst

jetzt hinderte die Windel sie nicht sonderlich. Sie betätigte alibiweise die Toilettenspülung

und verschloss die Regenjacke als zusätzlichen Sichtschutz.

Als sie aus der Toilettenkabine heraustrat, fühlte sie sich, jetzt, wo sie die Windel beim

Laufen spürte, extrem unwohl. Sie hatte das Gefühl, alle könnten ihre Windel sehen. Sie

ging in den Waschbeckenbereich, wo ihre Mutter schon ungeduldig wartete. „Was dauert

das denn so lange bei dir, mein Schatz?“, fragte sie. Femke zuckte mit den Schultern

und trat an die Waschbecken, um sich die Hände zu waschen, wie sie es immer machte.

Währenddessen verschwand ihre Mutter ebenfalls in Richtung der Toilettenkabinen.

Fenke wusste, dass man eigentlich nichts sehen konnte, schon gar nicht durch die lange

Regenjacke. Trotzdem wurde ihre Vorfreude auf die Zugspitze durch die Nervosität

getrübt. „Lass uns zurückgehen und schon mal das richtige Gleis suchen“, meinte ihre

Mutter fröhlich, als sie wieder da war. „Wir haben zwar noch jede Menge Zeit, aber so

können wir auf keinen Fall den Zug verpassen. Noch maximal zwei Stunden, dann sind

wir da!“ Femke ließ sich davon anstecken und dachte wieder an den bevorstehenden

Urlaub. Zusammen mit ihrer Mutter irrte sie jetzt wieder durch den Münchner

Hauptbahnhof. Es war einiges los. Frau Weber schaute zu ihrer Tochter, die sich

interessiert umguckte. Aus diesem Grund dauerte es auch etwas länger, bis sie den

Bahnsteig ihres Anschlusszugs erreicht hatten. Das war aber kein Problem, schließlich

hatten sie ja Zeit. Unter der Überdachung, geschützt vor dem Regen, warteten sie

entspannt. Obwohl Femke sich einmal um die eigene Achse drehte und in alle

Richtungen schaute, konnte sie noch keine Berge erkennen. Vielleicht lag es daran,

dass hier im Hauptbahnhof ein Großteil des Blickwinkels durch Gebäude verdeckt

wurde.

Die RB 6 fuhr fünf Minuten verspätet in den Bahnhof ein, obwohl sie auf der Anzeige

noch als pünktlich angezeigt wurde. Der Zug war gut gefüllt mit Reisenden aller Art. Frau

Weber empfand es als ein wenig unangenehm, mit ihrem großen Familienkoffer in die

Bahn zu drängen. Sitzplätze waren keine mehr frei, ein netter Mann stand aber auf, als

er Femke und ihre Mutter sah, und überließ Femke seinen Platz. Frau Weber blieb mit

dem Koffer im breiteren Gangbereich stehen. Beim Hinsetzen merkte Femke sofort die

Windel zwischen sich und dem Sitzpolster. Die Pampers drückte leicht gegen ihre Jeans.

Nach 20 Minuten machte ihre Mutter sie darauf aufmerksam, dass man draußen den

Starnberger See sehen konnte. Femke beugte sich über den neben ihr sitzenden Mann

zum Fenster. Inzwischen hatte der Regen noch mehr nachgelassen, es tropfte nur noch

hin und wieder gegen die Scheibe. Entsprechend gut konnte man jetzt nach draußen

sehen. Durch vereinzelte Bäume hindurch schimmerte die glatte Wasseroberfläche.

Boote waren auf dem See keine zu sehen. Frau Weber meinte, dass man sich das hier

auch als schönen Urlaubsort merken könnte. Wenig später fuhren sie durch Tutzing. Hier

konnten sie zum ersten Mal die Dächer der typischen bayerischen Häuser sehen.

Rotbraun und mit hellen Holzbalkonen voller Geranien. Wenige Minuten später wurde

einem bewusst, dass die Landschaft schon hügeliger war, und noch etwas weiter

erahnte man am Horizont schon die Voralpen. Femke wippte aufgeregt mit den Beinen,

dabei spürte sie die Bündchen ihrer Windel an ihrer Haut reiben. Femke beugte sich

immer wieder über ihren Sitznachbarn, um das Fenster zu erreichen, sodass der Mann

schließlich höflich anbot, den Fensterplatz zu räumen. Femke ließ sich das nicht zweimal

sagen und rückte auf. Der verdrängte Mann verließ die Sitzreihe schließlich ganz,

sodass auch Femkes Mutter Platz nehmen konnte. Diese entschuldigte sich bei dem

Fremden, dieser winkte jedoch lächelnd ab. Das Gepäck im Auge behaltend, warf jetzt

auch Frau Weber hin und wieder mal einen Blick nach draußen. Es war wirklich schön

hier. Es hatte inzwischen ganz aufgehört zu regnen, die Sonne strahlte auf die nassen

Berge. Feuchte Luft hing noch in den Tälern, und die waldbedeckten Hänge wirkten

nebelig. Wenn Femke ihren Blick ganz nach oben richten konnte, konnte sie die

Baumgrenze und die darüberliegenden felsigen Gipfel bewundern.


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