Mittwoch, 20. November 2019

Der seltsame Fund Teil 12


10 Stunden später // 0.00 Uhr
Wie geplant riss mich mein Wecker um Mitternacht lautstark aus
dem Schlaf. Schnell schaltete ich ihn aus. Bei dieser Lautstärke
würde am Ende noch meine Mutter aufwachen. Viel zu laut
knarzten die Türen, als ich langsam durch das Haus schlich.



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Doch
meine Eltern schienen nicht aufzuwachen. Das hörte ich an den
lauten Schnarch Geräuschen aus dem Schlafzimmer.
Schließlich stand ich vor unserer Haustür und blickte auf die von
den Straßenlaternen erhellte Straße. Ich hatte natürlich meine
Taschenlampe vergessen, aber diese war auch gar nicht nötig. Wir
hatten Vollmond und am Himmel war kein einziges Wölkchen zu
sehen. Der Sternenhimmel, der sich mir heute Nacht bot, war ein
atemberaubender Anblick. Doch meine Schwester hatte recht
gehabt, es war ganz schön kalt hier draußen. Ich fröstelte. Das
musste wohl daran liegen, dass der Himmel wolkenleer war,
erinnerte ich mich. Wir hatten das Thema erst kürzlich in Physik
durchgenommen. Die Wolken halten die Wärme der Sonne nachts
auf der Erde. Und wenn nachts keine Wolken sind, dann kann die
Wärm einfach so ins Weltall entweichen. Einfach so ...
Aber Mann, wo blieb denn jetzt meine große Schwester? Sara hätte
doch schon längst da sein müssen! Ein ungutes Gefühl beschlich
mich. Sara wollte mich doch nicht etwa mitten in der Nacht erschr...
„BUH“, rief da auf einmal jemand hinter meinem Rücken. Ich drehte
mich um und sah Sara, obenrum im Nachthemd und untenherum
nur mit Windel und Wickelbody bekleidet, vor mir stehen.
„Sara!“, rief ich empört. „Bist du denn verrückt geworden, mich
mitten in der Nacht zu erschrecken?“
„Ach, ist doch egal. Und jetzt lasst uns losgehen. Je länger wir weg
sind, desto größer ist die Chance, dass Mama doch noch mal in
unser Zimmer schaut und bemerkt, dass wir weg sind.“
Da musste ich ihr natürlich recht geben. Also rannten wir los. Wir
wurden abwechselnd in Licht und Schatten getaucht, als wir unter
den Laternen hindurchrasten, die den Wegesrand säumten.
Als wir dann schließlich in die schlechte Gegend der Stadt einbogen
(in der Kevin offenbar wohnte, aber das wunderte mich nicht),
bekam ich schon ein wenig Angst. In dieser Gegend gab es nachts
manchmal Schießereien mit großem Polizeiaufgebot. Aber heute
schien alles friedlich. Ob der Schein trügt? Nein, sicher nicht,
beruhigte ich mich. Oder vielleicht doch?
Nach einer Weile kamen wir vor Kevins Haus an. Allerdings wäre
„Betonbaracke“ wohl eher der passende Begriff gewesen. Das Haus
war tatsächlich nicht mehr als ein alter heruntergekommener
dreistöckiger Betonklotz. Falls das Gebäude mal mit Farbe bedeckt
gewesen war, konnte man von dieser jedenfalls nicht mehr viel
Reste erkennen. Der heruntergekommene Zigarettenautomat neben
der Eingangstür fügte sich perfekt in das Erscheinungsbild ein und
am Haus prangten mehrere große Sprühereien: Einmal „FCK NZS“,
was man allerdings kaum noch erkennen konnte, weil es ein
anderer mit einem riesigen Hakenkreuz übersprüht hatte und noch
ein drittes Symbol, auf das ich jetzt lieber nicht eingehe. Kurz
gesagt: Das Haus sah so richtig assi aus.
Während ich den verkümmerten Rasen vor dem Haus betrachtete,
hatte meine Schwester schon die Kamera angeschaltet, bis an die
Scheibe von Kevins Wohnung herangezoomt und die Filmaufnahme
gestartet. Als ich schließlich meinen Blick auf das Display richtete
staunte ich nicht schlecht über das, was dort zu sehen war.
*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*
Kevin saß am Rechner und grinste in sich hinein. Er hatte es
geschafft diese bekloppte Sara zu erpressen und weil er daher
heute den Einkauf nicht tragen musste hatte er den ganzen Tag
dieses neue Ballerspiel gespielt, den Namen hatte er längst
vergessen. Kevin liebte alles was mit ballern und schießen und
schlagen zu tun hatte, daher hatte er schon seit heute Nachmittag
nichts anderes gemacht als andere in diesem Spiel abzuballern.
Mittlerweile war es schon Nacht geworden, er hatte keine Ahnung,
wie spät genau, aber es musste schon nach Mitternacht sein. Und
das war ihm auch egal. Hauptsache, er konnte weiterspielen und
immer weiter spielen ... BUMM BATSCH BUMMM BUMM PENG BUMM
BATSCH baller BUMMM BUMMMMM!!!
Kevin war so auf sein Spiel konzentriert, dass er noch nicht mal
realisierte, dass seine Mutter ins Zimmer gekommen war. Als er sie
dann bemerkte, hielt er sie natürlich gleich für eine Figur aus
seinem Ballerspiel und begann sofort kräftig auf sie einzuschlagen,
so fest, dass ihr die halb gerauchte Zigarette aus dem Mundwinkel
fiel und ihre Bierflasche auf dem Boden zerklirrte. Doch Kevins
Mutter war natürlich auch eine richtige Schlägertypin und da die
fallengelassene Bierflasche nicht die erste war, die sie an diesem
Abend getrunken hatte wusste sie nicht wirklich was sie tat, als sie
kräftig auf ihren Sohn einschlug. Dieser war ihr natürlich nicht
gewachsen und rettete sich laut schluchzend auf sein Bett, wobei er
fast über die vielen leeren Energy-Drink-Dosen stolperte, die den
Boden in seinem Zimmer bedeckten. In dem Moment kam Kevins
Mutter das starke Verlangen nach mehr Bier auf. Sie suchte den
Boden nach ihrer Bierflasche ab, bis ihr schließlich einfiel, dass
diese ja zerbrochen war. Schließlich torkelte sie laut brüllend ins
Wohnzimmer, wo sie schnell den Korken aus einer Weinflasche
herauszog. Ist zwar kein Bier, aber egal, dachte sie sich.
Hauptsache Alkohol.
Währenddessen drückte Kevin heulend fest seine vielen Kuscheltiere
an sich. Er wusste, dass es total uncool war, aber er liebte seine
Kuscheltiere. Die Pistolengeräusche aus dem Lautsprecher seines
Rechners, an dem das Ballerspiel immer noch lief, begleiteten ihn in
einen unruhigen Schlaf.
*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*
Ein Sound ertönte, als Sara, meine große Schwester an ihrer
Kamera die Videoaufnahme beendete. Wir grinsten uns kurz an und
begannen dann, zurück nach Hause zu rennen. „Das können wir
morgen direkt dem Jugendamt geben“, meinte ich zufrieden,
während wir uns unserem Haus näherten. Einem schönem Haus,
nicht so einer verkommenen Bruchbude wie Kevins Zuhause.
Das, was ich gesehen hatte, hatte mich zutiefst aufgewühlt.
Irgendwie hatte ich mittlerweile sogar ein wenig Mitleid für Kevin
bekommen. Denn daran, dass aus ihm so ein brutales Kind
geworden war, waren bestimmt seine nicht weniger brutalen Eltern
dran schuld. Diese Saufbolzen hatten ihn bestimmt von Anfang an
falsch verzogen und komplett verwahrlosen lassen. Aber egal. bald
würde Kevin geholfen werden. Wir mussten nur noch das
Jugendamt informieren und dann würde man Kevin ins Heim
schicken und wir wären ihn los. Das wäre doch das beste was wir
tun können, oder?
Daran, dass es vielleicht ebenfalls nicht ganz so legal ist, mitten in
der Nacht bei anderen zu spionieren, dachte ich natürlich nicht.
Daran, dass der Fachbegriff für so etwas „Stalking“ lautete, dachte
ich natürlich auch nicht. Mir ging es nur um eins: Kevin loszuwerden.
Als wir schließlich vor unserer Haustür ankamen, suchte ich die
Taschen meines Schlafanzuges nach einem Schlüssel ab, doch ... ich
fand keinen. Verdammt! Ich hatte meinen Schlüssel vergessen! Doch
zum Glück hatte meine Schwester offenbar daran gedacht, einen
Haustürschlüssel auf unsere „Expedition“ mitzunehmen. Erleichtert
betrat ich den Eingangsbereich. Nun galt es nur noch, uns in unsere
Betten zu legen, ohne unsere Mutter aufzuwecken, dann wäre diese
Operation einwandfrei perfekt gelaufen.
Doch das Unheil wartete bereits auf uns auf der Treppe.
Als wir nämlich das Treppenhaus betraten, stand auf dem
Treppenabsatz unsere Mutter. O nein, dachte ich erschrocken. „Was,
wenn ich fragen darf, soll das hier werden?“, fragte uns unsere
Mutter erbost.
Ich sah meine Schwester an und in ihren Augen lag ein panisches
Flackern, welches man sonst nur bei Vokabeltests, auf die man
nicht gelernt hatte oder unangekündigten Spindkontrollen
entdecken konnte.
„Jonas! Schau mich bitte an. Kannst du mir mal sagen, was mit dir
im Moment los ist? Zuerst gehst du ohne meine Erlaubnis an meinen
Rechner und danach spazierst du mit deiner Schwester kreuz und
quer durch die Nacht! Das wird ein Nachspiel haben!“, sagte sie
erzürnt. „Geht jetzt in eure Zimmer!“ Dann schickte sie uns noch
einen Blick hinterher, der uns klar machte, dass sie keinen
Widerspruch duldete. Jedenfalls nicht heute.
Bedröppelt machten wir uns auf den Weg in unsere Zimmer. Jetzt
war die ganze Aktion doch aufgeflogen. Am meisten regte mich auf,
dass meine Mutter auf Anhieb erraten hatte, dass ich meine
Schwester dazu angestiftet hatte mitzukommen.
Aber hey, wir hatten ein mega krasses Video von Kevin gemacht!
Und wenn Kevin erst mal im Jugendheim ist, dann wird schon alles
gut werden. Oder?
Autor: Jimket
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